Digitaler Wandel

Wie sich Geschäftsmodelle und Tätigkeitsfelder für Steuerberater entwickeln werden

Versetzen Sie sich einmal kurz in das Jahr 2000 zurück. Wie sieht Ihr Arbeitsplatz aus? Wie läuft die Kommunikation mit Mandanten? Haben Sie zu den 11% der Deutschen gehört, die bereits Online-Banking genutzt haben? Damals gab es weder facebook (2004), youtube (2005) geschweige denn iphones (2007), die heute als selbstverständlich gelten.

Die technologische Entwicklung in den letzten 16 Jahren war enorm, doch laut Trendforschern ist das nichts im Vergleich zu dem, was noch auf uns zukommt. Sie prognostizieren die gleiche Veränderungsdichte der letzten 20 Jahre in den nächsten 3 bis 5 Jahren.

Wer sich jetzt nicht mit den Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Kanzlei auseinandersetzt, handelt fast schon fahrlässig.

Denn eines steht fest:

„Alles was automatisiert werden kann, wird automatisiert“, Daniel Land, digitaler Darwinist

Wenn Sie diese Aussage ernst nehmen und dann Ihre bisherigen Arbeitsabläufe betrachten, werden Sie sehr schnell erkennen, dass der Automatisierungsgrad bei den deklaratorischen Tätigkeiten bei 80 bis 90% liegt. Nicht umsonst stehen in der Frey/Osborne-Studie (USA 2013), die vom ZEW auf deutsche Verhältnisse übertragen wurde und ähnliche Ergebnisse zeigt, Steuerberater und Buchhalter unter den Top 10 der von Automatisierung bedrohten Berufe.

Tipp: Im Job-Futuromat http://job-futuromat.ard.de/der ARD können Sie Ihren Beruf eingeben. Hier bekommt der Steuerberater fast schon beruhigende 45% Automatisierungswahrscheinlichkeit bescheinigt, doch beim Steuerfachangestellten sind es 83%. Es geht also auch darum, welche Aufgaben Ihre Mitarbeiter in Zukunft erfüllen.

Welche Entwicklungen betreffen Sie als Steuerberater?

1. Cloud-Lösungen und Schnittstellen – Echtzeit-Beratung Digital und Persönlich

Cloud-Lösungen im Rechnungswesen lösen die Softwarelösungen in Zukunft ab. Denn durch die Online-Verfügbarkeit der Anwendung und der Daten vereinfacht sich die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, da sie gemeinsam auf einen zentralen Datenbestand zugreifen. Die e-Rechnung und ZugFerd-Vorschriften tun ein Übriges dafür, dass die automatisierte Verbuchung von Geschäftsvorfällen vorangetrieben wird.

Die angelsächsischen Länder sind hier schon einen ganzen Schritt weiter, weil ihre Anforderungen an die Sicherheitsstandards nicht so hoch sind wie in Deutschland, doch auch das wird gelöst werden.

In Großbritannien hat das HBRC das „Making Tax Digital“-Programm gestartet: ab 2016 gibt es keine Abgabepflicht der Steuererklärung für Arbeitnehmer, da alle Daten automatisch in der elektronischen Steuerakte gesammelt und verarbeitet werden. Ab 2018 müssen Unternehmer ihre Buchführungsdaten vierteljährlich online ans Finanzamt übermitteln.

In Australien agieren inzwischen die verschiedenen Cloud-Lösungen direkt miteinander. Schreibt beispielsweise ein Unternehmer in Quickbooks eine Rechnung an einen anderen Unternehmer, der Xero verwendet, landet diese Rechnung ohne Zwischenschritt direkt in dessen Buchhaltung, ist bereits verbucht und steht zur Zahlung bereit.

Eine der Hauptaufgaben der nächsten Jahre für Kanzleien wird es sein, ihre Mandanten beim Weg in die Cloud zu unterstützen und deren Verwaltungsprozesse zu digitalisieren. Die Arbeit verlagert sich also vom Buchhaltungsprozess in der Kanzlei zum Mandanten vor Ort zur Prozessoptimierung. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Mandant seine Buchhaltung komplett macht und die Kanzlei damit überflüssig wird. Im Gegenteil, wenn die Vorarbeiten beim Mandanten und die Verbuchung automatisiert sind, wird der Steuerberater zum Echtzeitberater, weil auf tagaktuelle Daten zugegriffen wird. Für komplexe Sachverhalte oder umsatzsteuerliche Fragen steht die Kanzlei weiter zur Verfügung und darüber hinaus können Liquidität und Erfolg wesentlich effektiver beobachtet und gesteuert werden.

Der persönliche Aspekt bleibt und spielt weiter eine wichtige Rolle und bekommt sogar eine ganz neue Qualität. Denn welche Kanzlei wird aus Sicht des Mandanten wohl die wertvollere Beratung liefern: diejenige, die anruft und fehlende oder fehlerhafte Belege anmahnt oder diejenige, die darauf hinweist, dass in 3 Monaten ein Darlehen ausläuft und die Zwischenbilanz bereits bei der Bank ist, damit die Anschlussfinanzierung reibungslos über die Bühne geht.

 

2. Big Data und künstliche Intelligenz – Informationswissen und Umsetzungswissen

Die im Internet vorhandene Datenmenge betrug laut EMC Studie „Das digitale Universum“ im Jahr 2010 1.227 Exabyte (das sind 1 Milliarde Gigabyte), im Jahr 2020 werden es 40.026 Exabyte sein.

Die große Herausforderung ist es, diese Daten sinnvoll zu verarbeiten und nutzbar zu machen. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz werden Anwendungen entwickelt, die das Weltwissen zu spezifischen Themen durchsuchen, filtern, bewerten und Lösungen anbieten – und zwar bessere Lösungen als das beste menschliche Expertengremium finden würde. Mit IBM Watson Analytics gibt es inzwischen ein kommerzielles Angebot, um eigene Datenbestände zu analysieren und daraus Auswertungen und Vorhersagen zu erstellen.

Risikoanalysen, Umsatzprognosen, Investitionsentscheidungen werden mit Hilfe belastbarer Daten künftig präzise und zeitnah erstellt. Das Informationswissen wird dadurch an Wert verlieren, dafür wächst der Bedarf an Interpretation, Entscheidungshilfe und Begleitung bei der Umsetzung. Denn auch wenn wir inzwischen Maschinen mindestens genauso vertrauen wie Menschen – vergleichen Sie nur Ihr Navi mit dem Karten lesenden Beifahrer. Das Navi kann uns sagen, wie wir am besten ans Ziel kommen, aber welches Ziel wir eingeben und ob die Panoramaroute oder die schnellste für unsere Zwecke angemessen ist, entscheiden wir. Bei der Zielfindung und der Routenauswahl werden Kanzleien im übertragenen Sinne künftig von ihren Mandanten geschätzt werden.

Auch die Finanzverwaltung setzt auf Big Data und automatisiert mit KONSENS und anderen Programmen das Besteuerungsverfahren. Steuerberater können sich unter diesem Gesichtspunkt zum Risikoanalysten entwickeln und das Beratungsfeld Betriebsprüfung vorverlagern. Der BP-Stresstest wäre ein sinnvolles neues Beratungsangebot.

 

3. Soziale Medien und Erreichbarkeit – Likes und Aufmerksamkeit

„Aufmerksamkeit ist die Währung des 21. Jahrhunderts“ lautet auf www.trendone.com ein Mega-Trend. Jeder will geschätzt werden, individuell und aufmerksam behandelt werden. In einer Always-On-Gesellschaft die mobil übers Smartphone und soziale Medien miteinander kommuniziert, erhält die individuelle Ansprache auf allen Kanälen eine zunehmende Bedeutung.

Für die Generation X, also den Ende der 60er geborenen, wird der Wert Nähe noch in Distanz gemessen, das persönliche Gespräch wird als die wichtigste und unverzichtbare vertrauensbildende Maßnahme gesehen. Für die folgenden Generationen ist die relationale Nähe wichtiger, also das Gefühl der Zusammengehörigkeit und das wird mit erzeugt und verstärkt durch den Austausch und Likes in sozialen Medien wie facebook und Instagram. Wer sich hier verschließt, verpasst den Anschluss an eine ganze Generation.

Weiterempfehlung bekommt dadurch eine neue Qualität und Reichweite und neue Mitarbeiter finden Sie nicht mehr über Stellenanzeigen sondern facebook.

Die Präsenz in den sozialen Medien wird ein wichtiger Baustein im Kanzleiauftritt. Wer das aktiv gestaltet, hat eindeutig im Wettbewerb die Nase vorn. Suchmaschinenoptimierung, nutzenorientierte Inhalte, Videokonferenzen, Online-Gruppendiskussionen oder Gefällt Mir-Klicks bei den Social-Media-Seiten der Mandanten zeigen die Vielfalt der Unternehmenskommunikation der Zukunft. Und wenn Sie dann noch per App auf individuelle Sachverhalte eingehen oder auf facebook zur Einschulung der Tochter gratulieren schenken Sie die Aufmerksamkeit, die sich Mandanten wünschen.

Eine neue Arbeitsplatzbeschreibung für Mitarbeiter wird der Kommunikationsmanager sein, der alle Kanäle im Blick hat und als Informationsdrehscheibe dient.

 

Was können Sie heute tun, um sich strategisch darauf vorzubereiten?

Unser Tipp: Gönnen Sie sich in den nächsten Wochen einen Strategietag und klären Sie dort folgende Fragen:

  • Welche digitale Kompetenz ist bereits vorhanden und was brauchen wir noch? Wird Kontoauszugsmanager bei allen Mandanten voll ausgeschöpft; ist ein DMS installiert und wird von allen genutzt; welche Datenschnittstellen gibt es und welche werden genutzt; was wissen wir über ZugFerd und die Verfahrensdokumentation zum ersetzenden Scannen
  • Welche Cloud-Lösungen gibt es und welche eignet sich für uns am besten? Drei bis fünf Cloud-Angebote testen und Online-Zusammenarbeit als Ziel formulieren
  • Womit verdienen wir heute und in Zukunft unser Geld? Tätigkeitsfelder analysieren – Kerngeschäft und Zusatzdienstleistungen
  • Welche Mitarbeiter haben wir und brauchen wir? Ausbildungsbedarf und Fortbildungsplan festlegen
  • Welche Mandanten haben wir und wie lassen sie sich für Online-Zusammenarbeit gewinnen? Welche Mandanten passen künftig zu uns? Mandantenkategorien beschreiben und unterschiedliche Nutzen und Marketingwege formulieren. Mehrteilige Umstellungsphase – Digitale Profis zuerst, Digitalverweigerer zum Schluss.
  • Ziele formulieren: „Bis 31.12.20xx sind die Kanzleiprozesse intern und extern komplett digital“